Die Schilcheranni
Der Babenbergerhof ist eine Art Traditionslokal der Grazer Kulturszene. Seit Jahren füllt sich das kleine Beisl in der Nähe des Hauptbahnhofs mit Musikern, Schriftstellern, Beamten und anderen interessanten Menschen. Hier wird Zeitung gelesen, philosophiert, und auch sehr gern erfreuen sich die Gäste am Schilchersturm, der nun wieder ausgeschenkt wird. Die Inhaberin der urigen Gaststätte Anna Maria Zimmermann, auch bekannt als Schilcher Anni oder Anniwirtin, lacht mich fröhlich an als ich das Séparée betrete. „Kann des sein, dass du gestern im Literaturhaus warst, mir kommt vor ich hab dich dort gsehn“, sagt sie zu mir und wartet gespannt auf meine Antwort, die leider „Nein“ lautet. Zum letzten Mal war ich im Literaturhaus, als der Peter Turrini dort sein neues Buch vorgestellt hat. Trotz ihres höheren Alters und Knieproblemen bewirtet die Anni ihre Gäste nach wie vor mit großem Elan und Leidenschaft. Jeden Mittwoch finden hier Jazz Abende statt. Sogar im Kulturserver der Stadt Graz sind diese aufgelistet. Diese Woche war die Grazer Band Dr.Jekyll & the Hyde Company zu Gast, deren selbsterklärtes Ziel: „Die Herrschaft über die Welt“ ist (laut Facebook). „Irgendwann sind wir verführt worden hier zu spielen, seitdem sind wir öfters da“, schnappe ich aus einem Gespräch des Saxofonisten mit einem Gast auf. Daraufhin stimmt er ein kleines Solo an, um sich für den Auftritt aufzuwärmen. „Georgie?“ „JAAAA?“ „Wirf an amal dein Bass“.
Das Publikum wartet bereits gespannt. Es besteht zum Großteil aus älteren Damen und Herren, die durch die Bank fein angezogen sind. Nach einer eleganten zehn-minütigen Verspätung spielen die Musiker bereits auf.
Der Gast
Nach wie vor, warte ich auf meinen internationalen Gast. Warum verspätet er sich so stark, frage ich mich? Ich warte jetzt schon sehr lange auf ihn. 1 Stunde ist es beinahe her. Das muss etwas mit der cultural awareness der Südamerikaner zu tun haben. Mein unbekannter Freund ist nämlich Argentinier. Obwohl ich während meines Austauschjahres im mittelamerikanischen Costa Rica nicht nur Menschen kennen gelernt habe, die sich chronisch verspäten, im Gegenteil. Trotzdem weiß ich, dass es durchaus eine Angewohnheit dieser Kultur ist ein bisschen zu trödeln. Oder hat er glatt auf mich vergessen? Ich esse ein Stück des köstlichen Kuchens, den mir die Anni bereits vor längerer Zeit serviert hat. Öfters habe ich versucht den besagten Studierenden zu erreichen. Kein Lebenszeichen von ihm. Jetzt esse ich auch sein Stück. Das Klatschen des Publikums unterbricht meine Gedankenflut und ich verliere mich in den sanften Klängen von Dr.Jekyll & the Hyde Company.
„Wenn ihr euch was wünscht. Wir kennen’s wahrscheinlich eh net. Aber fragen könnt’s ja trotzdem“, kündigt der Saxofonist der Band mit einem humorvollen Unterton an.
Das zweite Stück beginnt mit einem fulminanten Trommelwirbel. Schön langsam beginne ich zu befürchten, dass mein unbekannter Kollege mich wirklich versetzt hat. Das muss wohl Karma sein, denke ich mir und lausche naiv den fröhlichen Klängen der Jazzmusiker. Der Schlagzeuger setzt zum Solo an und einige Köpfe im Raum verwandeln sich zu Nickmaschinen.
„Zum Markus Hirtler geh‘ ich morgen“, sagt die ältere Frau, die am benachbarten Tisch sitzt. „Normalerweise macht er ja die Erni-Oma, aber morgen spielt er mal ohne die Maske.“ Sanfte Klavierklänge hallen aus den Lautsprechern und spätestens jetzt wird mir klar, dass ich eigentlich noch einen Salsa-Tanzkurs belegen sollte. Doch da die restlichen Gäste allesamt mindestens 30 Jahre älter als ich sind, frage ich mich, mit wem ich hier tanzen könnte. Es bleibt mir also noch Zeit, die Schritte zu lernen.
Mir wird ganz flau im Magen. Vielleicht weil ich doppelt so viel Verhackertes gegessen habe, wie ich eigentlich vorhatte. Die Musik ist zwar wunderschön und die Band legt sich richtig ins Zeug, aber im Grunde bin ich ja hergekommen, um meinen mysteriösen Tandemstudenten zu treffen, den ich bisher nur über Facebook kenne. Heute weiß ich, dass er im „Gym“ war, um zu trainieren. Ein Sportler also.
„Mei, wast wie schen des is“, sagt die Anni-Wirtin zu einem älteren Herren, der bereits seit längerem am Tisch gegenüber von mir sitzt.
Ich vermisse den Dampf meiner Zigarette. Schnell vor die Tür eine rauchen. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen aufzuhören. Schön langsam werde ich wirklich ungeduldig. Ich bestelle einen gespritzten Apfelsaft, das erste alkoholfreie Getränk des Abends. Aufbruchstimmung vermitteln mir auch die Musiker, die anfangen schneller und hastiger zu spielen. Die Geschwindigkeit hat sich mittlerweile auf Adagio geändert. Während die Musiker das bekannte Stück The Girl from Ipanema anstimmen, beschließe ich zu gehen.
Der Fassadenwechsel
Der Raum, in den ich eintrete ist sehr verraucht. Mir scheint, als hätte das Studium mich zum Schreibtier geformt. Überall wo ich hingehe sitze ich mit Block und Stift. Die Zeitung darf natürlich auch nicht fehlen.
Vor mir baut sich eine hölzerne Bar auf. Die Zigarette qualmt im Aschenbecher. Zu meiner Rechten sitzt ein alter Herr, der sich seine Industrietschik genüßlich in den vorgefertigten Filter stopft. Zu meiner Linken eine junge Dame. Auch sie raucht. Rund um uns Gejohle und Gelächter.
Das Café Centraal ist eine weitere dieser Grazer Bars, in der man sich schon rockig fühlt, wenn man hineingeht. „Ein Laško bitte!“ Der Kellner wirkt sehr fröhlich, ich versinke im Barhocker, gehe noch einmal auf’s Klo und nachdem ich das Bier in großen Schlücken zu mir nehme, setze ich meinen Rundgang fort.
Als ich mit dem Board über die Brücke vom Südtirolerplatz in Richtung Murgasse fahre, sehe ich ein bekanntes Gesicht. Ein afghanischer Asylwerber, den ich bereits seit mehr als einem Jahr kenne, kommt mir mit seinen zwei Cousins entgegen. Ich steige ab. Wir begrüßen uns. Er ist sehr freundlich und erzählt, dass er möglicherweise mit seiner Freundin Schluss machen wird. Ich frage ihn nach seinem Bruder, der schwer erkrankt ist, doch er lässt sich nichts anmerken. Er ist zu prüde, um meine Bemitleidungen anzunehmen und will nicht darüber reden. Er wohnt in einer Wohnung zusammen mit 4 anderen in einem Zimmer. Er erweckt den Anschein sehr glücklich zu sein. Ob dieser Schein trügt, frage ich mich schon seit ich ihn kenne. Wir wechseln noch ein paar nette Worte und dann verschwinde ich wieder in den vielen Bars, die Graz so zu bieten hat. Endlich habe ich Leute gefunden, die ich kenne. Ein Erfolg, der mit einem Bier gefeiert werden muss.
Ich bin gern verloren im Jazz. Ich bin verloren in der Rauchwolke und liebe es im wohltuenden Dampf meiner eigenen Worte verloren zu sein.
Das ist richtig, richtig gut.